Clemens von Wedemeyer

04.03. – 07.05.2006

“Kunst und Kino”, so Clemens von Wedemeyer, “sind verschiedene Sprachen, die miteinander verwandt sind. Ich bin an beiden Sprachen interessiert. Beide zusammen erlauben es, eine Praxis zu finden, die neue Räume für neue Untersuchungen zur Verfügung stellt.”

In seiner ersten großen Einzelausstellung zeigt Clemens von Wedemeyer Arbeiten, die in den letzten Jahren entstanden sind. Mit der Auswahl der Arbeiten ortet er eine Richtung aus und stellt mit ihnen gleichzeitig Bezüge zur Architektur des Kunstvereinsgebäudes her, das zu den herausragenden Baudenkmäler der 50er Jahre zählt und sich der Kunst und dem Kino verpflichtet hat.

Exemplarisch für die Beschäftigung mit dem Kino, zeigt Clemens von Wedemeyer seine frühe filmische Arbeit “occupation” (2002). Eine große Anzahl von Statisten und eine Filmcrew treffen bei Nacht, an einem nicht näher bestimmbaren Ort aufeinander. Die Statisten reagieren verwirrt auf die missverständlichen Anweisungen des Filmteams und ebenso reagiert das Filmteam, das dennoch beschäftigt, müde und ängstlich mit aller Macht die Mittel des Kinos ausspielt. Wedemeyer hat mit “occupation” das Publikum, das Filmteam und das technische Gerät aus dem üblichen (Film-)Zusammenhang herausgelöst und es in eine absurde, an Beckett erinnernde Situation gestellt. Die Statisten werden ungewollt und unwissend zu Hauptdarstellern, das Filmteam agiert wie Marionetten nach einem ungeschriebenen Drehbuch. In der Ausstellung zeigt Clemens von Wedemeyer nun erstmals “occupation” als 35mm-Film im Kino, dessen Betrachtung auch sein Ausgangspunkt war.

Die Freistellung einer Situation und deren Transfer in einen neuen Kontext findet sich auch in der Ausstellungsgestaltung Wedemeyers wieder. Transferiert von der Kinosituation in den Ausstellungsraum, fungiert die von Clemens und Henning von Wedemeyer entworfene Ausstellungsarchitektur wie die Struktur eines Filmes. Die Ausstellungswände dienen als Trennung, als Schnitte zwischen den verschiedenen Zonen. “Im Kino”, so Wedemeyer, “ist das Trennende (der Schnitt) das Entscheidende. Fiktion entsteht als Trennung zwischen den Bereichen.”

Ortsentrückt und zeitenthoben wirkt die Videoarbeit “Silberhöhe”, obgleich ihr der Schauplatz der Hallenser Plattensiedlung “Silberhöhe” zugrunde liegt, die zwischen 1979 und 1989 für 40.000 Bewohner erbaut wurde und seit der Wende mehr als die Hälfte der Einwohner verloren hat. Die Kamera folgt den spannungsgeladenen verlassenen Straßen und Blicken in eine Musterwohnung, in der auf einem flimmernden Fernsehmonitor der Abspann von Antonionis “L´eclisse” läuft. Indem das Video Kameraführung und Schnitttechnik der Schlussszene aus Antonionis Film zitiert, transportiert es die ohne Menschen auskommende Dramatik in die aktuelle Situation des verödeten Stadtteils und schafft so eine gedankliche Linie zwischen beiden Enden der Zeitspanne, in der moderne Stadtutopie entwickelt, gebaut, gelebt und schließlich verworfen wurde.

“Otjesd” handelt von Bürokratie und dem Warten, in dem das Schicksal einer jungen Frau inmitten einer Grenzregion erzählt wird. Beide Filme erscheinen wie aus einer Zwischenwelt, in der es die Bilder nicht erlauben, sich einer Illusion hinzugeben, obwohl sie vom Dokumentarischen weit entfernt, wie ein absurdes Märchen oder ein Traum erfahren werden.

In einem Raum, den Wedemeyer zwischen die beiden Projektionsräume eingeschoben hat, wird nachvollziehbar, wie viel Fiktion vonnöten ist, um subjektive Realitäten zu vermitteln. Zu sehen sind die Entstehungsgeschichte der Filme, Wedemeyers Beschäftigung mit dem offenen, noch nicht definierten Raum an den Stadtgrenzen in Ostdeutschland, die Recherchen an den Visa-Antragstellen in Berlin und Moskau und die Beobachtungen eines realen Filmteams. Der Raum öffnet einen Ausblick auf die Stadt Köln und stellt damit auch architektonisch die Verbindung mit dem scheinbar Realen des Alltags her.

Im Untergeschoss des Kunstvereins taucht schließlich mit “Ohne Titel (Rekonstruktion)” von 2005 nochmals eine Referenz an Beckett auf. Zu sehen ist die “falsche” Rekonstruktion eines Tanzes, den Clemens von Wedemeyer bei einer Probe des Tänzers und Choreografen Alexandre Roccoli während seiner Soloarbeit in der Villa Gillet in Lyon gefilmt hat. “Ohne Titel (Rekonstruktion)” ist gleichsam eine Studie über die Bewegung im Film, in dem der Raum und der Körper elementar ins Zentrum gerückt sind und durch einen nachgearbeiteten Sound (mit Thomas Wallmann) eine unmittelbare, physische Präsenz erfährt.

Die Filmarbeiten “occupation”, “Silberhöhe” und “Otjesd” wurden vom Kameramann Frank Meyer gefilmt.

Biografische Daten
Clemens von Wedemeyer, geboren 1974, lebt und arbeitet in Berlin und Leipzig. Ausstellungen (Auswahl): PS1 Contemporary Art Center, New York (2006); Berlin Biennale, KW, Berlin (2006); CAC Brétigny-sur-Orge (2006); Galerie Meyer Rieger, Karlsruhe (2005); Kunsthalle Bremen (2005); Galerie Klosterfelde (2005); Moscow Biennale of Contemporary Art (2005); Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig (2005); Kunstwerke Berlin (2004); Galerie Jocelyn Wolff, Paris (2003).

Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten in deutscher und englischer Sprache von Ekaterina Degot und Beatrice von Bismarck. Der Katalog wird am 05. Mai, 19 Uhr im Rahmen des Ausstellungsgesprächs präsentiert.

Filmabend
Begleitend zur Ausstellung von Clemens von Wedemeyer hat Matthias Müller (Filmemacher, Bielefeld/Köln) eine Auswahl von Experimentalfilmen zusammengestellt, die am 28. April, um 19 Uhr im Kino in der “Brücke” gezeigt werden.

Programm
B+W Hein, Rohfilm, D 1968
Martin Arnold, Pièce Touchée, A 1989
Morgan Fisher, Standard Gauge, USA 1984
Sharon Sandusky, C’mon, Babe (Danke Schoen), USA 1988
Manuel Saiz, Specialized Technicians Required:
Being Luis Porcar, E 2005
Christopher Giradet & Matthias Müller, Play, D 2003

Ausstellungsgespräch
Alexander Koch (Kurator und Autor, Berlin) im Gespräch mit Clemens von Wedemeyer. Clemens von Wedemeyer präsentiert im Anschluss daran einen neuen Film “rien du tout” (mit Maya Schweizer).
05. Mai, 19 Uhr


“Art and cinema”, according to Clemens von Wedemeyer, “are different languages that are related to one another. I am interested in both languages. Both of them together make it possible to find a practice that provides new spaces for new investigations.”

In his first major solo exhibition Clemens von Wedemeyer shows works from recent years. With the selection of works he explores a direction while simultaneously establishing references to the architecture of the Kunstverein building, which is regarded as one of the outstanding architectural monuments of the 1950s and is devoted to art and cinema.

To exemplify his interest in cinema, Clemens von Wedemeyer shows his early cinematic work “occupation” (2002). A large number of extras and a film crew come together at night in an unidentifiable location. The extras are confused by the film crews’ unclear instructions, and the film crew, which is busy tiredly and fearfully exhausting all the means of cinema, reacts the same way. With “occupation” Wedemeyer detached the audience, the film crew and the technical apparatus from its conventional (film) context, placing them in an absurd situation reminiscent of Beckett. The extras unwillingly and unwittingly become the main figures, the film crew operates like marionettes following an unwritten script. In the exhibition Clemens von Wedemeyer shows “occupation” for the first time as a 35mm film in the cinema, the consideration of which was its starting point.

Extracting a situation and transferring it to a new context is also found in Wedemeyer’s exhibition design. Transfered from the cinema situation to the exhibition space, the exhibition architecture designed by Clemens and Henning von Wedemeyer functions like the structure of a film. The exhibition walls serve as a division, as incisions between the different zones. “In cinema,” says Wedemeyer, “the division (the cut) is crucial. Fiction results as a division between the areas.”

The video work “Silberhöhe” (“Silver Heights”) appears to be removed from place and time, even though it is based on the scene of the “Silberhöhe” tower blocks in Halle, which were built between 1979 and 1989 for 40,000 residents and have lost over half the inhabitants since 1989. The camera follows the emotionally charged streets and looks into a model flat, where the credits from Antonioni’s “L’eclisse” are running on a flickering television screen. By citing the camera work and editing technique of the concluding scene from Antonioni’s film, the video transports the drama that does without people into the current situation of the decaying city district, thus creating a mental line between the two ends of the period of time, in which urban utopia was developed, built, lived and ultimately abandoned.

“Otjesd” deals with bureaucracy and waiting, telling of the fate of a young woman in the midst of a border region. Both films appear as though from an in-between world, in which the images do not allow surrendering to an illusion, even though they are far from documentary. This is more the way an absurd fairy-tale or dream is experienced.

In a space that Wedemeyer has inserted between the two projection spaces, it becomes clear how much fiction is needed to convey subjective realities. On display here are the genesis of the films, Wedemeyer’s preoccupation with the open, not yet defined space at the urban peripheries in East Germany, research at the visa application offices in Berlin and Moscow, and observations of a real film crew. I

The room opens up a view of the city of Cologne, thus also establishing an architectural connection with the apparently real of everyday life.

Finally, in the basement of the Kunstverein, another reference to Beckett shows up with “Ohne Titel (Rekonstruktion)” ["Untitled (Reconstruction)"] from 2005. What can be seen here is the “false” reconstruction of a dance, which Clemens von Wedemeyer filmed during a rehearsal of the dancer and choreographer Alexandre Roccoli during his solo work at the Villa Arson in Lyon. “Ohne Titel (Rekonstruktion)” is virtually a study of movement in film, in which the space and the body are shifted in an elementary way into the center, taking on an immediate, physical presence through the subsequently developed sound (with Thomas Wallmann).

The film works “occupation”, “Silberhöhe”, “Otjesd” and “Ohne Titel (Rekonstruktion)” were filmed by the cameraman Frank Meyer.

Biographical Information
Clemens von Wedemeyer, born 1974, lives and works in Berlin and Leipzig. Exhibitions (selected): PS1 Contemporary Art Center, New York (2006); Berlin Biennale, KW, Berlin (2006); CAC Brétigny-sur-Orge (2006); Galerie Meyer Rieger, Karlsruhe (2005); Kunsthalle Bremen (2005); Galerie Klosterfelde (2005); Moscow Biennale of Contemporary Art (2005); Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig (2005); Kunstwerke Berlin (2004); Galerie Jocelyn Wolff, Paris (2003).

Catalogue
A catalogue will be published for the exhibition with essays in German and English by Ekaterina Degot and Beatrice von Bismarck.
The catalogue will be presented on May 5th at 7 pm in conjunction with the exhibition discussion.

Film Evening
To accompany Clemens von Wedemeyer’s exhibition, Matthias Müller (filmmaker, Bielefeld/Cologne) has compiled a selection of experimental films, which will be shown on April 28th at 7 pm at the cinema in the “Brücke”.

Exhibition Discussion
Alexander Koch (curator and author, Berlin) in discussion with Clemens von Wedemeyer, following which Clemens von Wedemeyer will present a new film “rien du tout” (with Maya Schweizer).
5 May, 7 pm